Die Geschichte der GGZ

1803 wurde der Kanton Aargau durch die Mediationsakte Napoleons neu geschaffen. Dieser schwierigen Aufgabe, aus dem zusammengekitteten Kanton ein lebensfähiges Staatsgebilde zu formen, stellten sich tüchtige Politiker und hervorragende Persönlichkeiten, die das Bewusstsein einer kantonalen Solidarität zu wecken verstanden. Viele von ihnen schlossen sich der „Gesellschaft für vaterländischen Cultur“ 1811 zusammen.

Ziel der Gesellschaft war, die besten Bürger der verschiedenen Kantonsteile zusammenzubringen, auf diese Weise das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit zu fördern und „wohltätig in das Leben der Mitmenschen einzugreifen und sie über die Zufälle des Berufs, der Geburt und der Verschiedenheit der Kirchen und politischen Interessen hinaus zu heben“.

Die erstarkte Vereinigung schickte sich nach 1814 an, in den einzelnen Bezirken Zweiggesellschaften zu gründen, um sich auf diese Weise in der Bevölkerung noch besser zu verankern und noch besser auf die Bedürfnisse und Verhältnisse der verschiedenen Landesteile einzugehen.

So entstand am 12. September des Jahres 1821, die „Gesellschaft für vaterländische Kultur im Bezirk Zofingen“, nachdem ihre Schwestern in andern Bezirken 5 bis 6 Jahre früher und diejenige in Aarau 10 Jahre vorher ins Leben getreten waren. Das angestrebte Ziel der Gesellschaft war: Die Förderung des Gemeinwohls. Den ersten Gründern lag also das Gemeinwohl, das Interesse der Heimat, des Vaterlandes, im Vordergrund.

Bereits die ersten Aktivitäten der jungen Zofinger Kulturgesellschaft zeigen, wie vielen Bereichen des Lebens und des Zusammenlebens man sich zu widmen gedachte.

Zum Beispiel:

  • 1825 eröffnete die Gesellschaft in Oftringen eine Sonntagsschule für Handwerker, die vor allem die Weiterbildung junger Berufsleute fördern sollte.
  • 1827 Gründung eines Männergesangsvereins und Förderung desselben mit Beiträgen.
  • Entwurf für eine Mobiliarversicherung, führte aber zu keinem definitiven Ergebnis.
  • Errichtung einer Hagelversicherung.
  • Auf dem Gebiet der Fürsorge befasste man sich mit den „Heimatlosen“ und ermöglichte durch finanzielle Hilfe deren Einbürgerung.
  • 1822 wurden griechische Flüchtlinge aus ganz Kleinasien vertrieben und fanden unter anderem Aufnahme in Zofingen. Während Jahren bildete die Griechenhilfe eine wichtige Aufgabe der Gesellschaft.
  • 1823 beschäftigte man sich mit einer Pensionskasse für ältere Schullehrer und Witwen.
  • 1823 Gründung einer Ersparniskasse in Niederwil.
  • 1828 Schaffung von Kleinkinderschulen.
  • 1839 wurde die „Taubstummenanstalt“ unter ihre Obhut gebracht, nachdem eine Geldsammlung veranstaltet und Schulzimmer eingerichtet wurden. 1907 wurde die Taubstummenanstalt aufgehoben, da die Zahl der Gehörlosen stark zurückgegangen war, und brachte das vorhandene Vermögen in die „Stiftung  Taubstummenanstalt“ ein, die heute noch besteht.
  • 1856 Gründung des Kinderversorgungsvereins mit dem Ziel, möglichst vielen, verwahrlosten, armen Kindern bei sorgfältig ausgewählten Pflegefamilien ein Heim zu verschaffen. Damals gab es im Bezirk 399 verwahrloste Kinder und 509 in Armenhäusern oder in Pflegefamilien verkostete Jugendliche, dazu 15 Kinder, die „auf dem Weg des Lasters“ waren und wegen Vergehen mit der Polizei zu tun hatten. Die Zahl der Pfleglinge nahm rasch zu. Später betreute man besonders uneheliche Kinder schon von der Geburt an. 1946 trat eine neue aargauische Verordnung über die Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Kraft. Auf Grund dieser Verordnung hatten alle Bezirksvereine, die sich mit der Kinderversorgung befassten, einen einheitlichen Namen anzunehmen. Ab 1950 wurde offiziell die Bezeichnung „Jugendfürsorgeverein an Stellte von „Kinderversorgungsverein" eingeführt.

Besonders grosse und bleibende Verdienste erwarb sich die Kulturgesellschaft auf dem Gebiet des Krankenwesens. Es ist nicht möglich, auf die vielen Anregungen, Massnahmen und Anordnungen einzugehen, die im Kreise der Gesellschaft entstanden. Einigen Institutionen, die über einen längeren Zeitraum ihre Tätigkeit ausüben konnten:

  • 1861 Gründung der Krankenanstalt für weibliche Dienstboten und Fabrikarbeiterinnen.
  • Die Bezirks-Krankenkasse entstand durch eine Initiative der Kulturgesellschaft.
  • 1879 Eröffnung eines Krankenmobilienmagazins in Zofingen mit der Aufgabe, „die zur Krankenpflege notwendigen Gegenstände zum leihweisen Gebrauch zur Verfügung zu stellen“. Der Kommission für das Krankenmobilienmagazin waren auch die beiden Krankentransportwagen unterstellt, die man in den neunziger Jahren kaufte.
  • 1887 wird der Samariterverein ins Leben gerufen, der bis 1910 unter der Obhut der Kulturgesellschaft stand.
  • 1886 wurde ein bescheidenes Krankenhaus an der Aarburgerstrasse in Zofingen eröffnet.
  • Sponsor war vor allem Gustav Straehl. Die Versammlung der Kulturgesellschaft genehmigte die Statuten und setzte eine verantwortliche Kommission ein. Nur wenig später nahm Bernhard Lerch das noch in den Windeln liegende Spitalkind unter seine Obhut. Er stiftete im Laufe von mehr als zehn Jahren, zusammen mit seiner Frau, den gewaltigen Betrag von Fr. 230`000.- für den Bau eines „richtigen“ Spitals. 1887 Beginn des Neubaus an der Mühletalstrasse.
  • 1888 Einweihung des neuen Spitals, des „Lerchschen Bezirksspitals“. Seit 1932 trägt es den Namen „Bezirksspital Zofingen“. 1974 wird der Verein Bezirksspital Zofingen gegründet und das Bezirksspital auf eigene Füsse gestellt.
  • 1894 kam der erste Antrieb zur Errichtung einer aargauischen Lungenheilstätte auf der Jurahöhe „Barmelweid“. Das Unternehmen erforderte gewaltige Mittel (Fr. 800`000.-) aus freiwilliger Hand, die nur aus wiederholt betriebenen Sammlungen der Kulturgesellschaften aus den Bezirken, so auch in dem von Zofingen, aufgebracht werden konnten.
  • 1899 nahm die Gesellschaft den von August Rudolf Straehl-Imhoof gegründeten Jugendschutzverein als neue Filiale unter ihre Fittiche. Zu den Aufgaben des Vereins gehörte neben der Durchführung von Ferienkolonien auch allgemein „der Schutz der Kinder vor Überanstrengung, Vernachlässigung und Misshandlung sowie die Bekleidung und Speisung bedürftiger Schülerinnen und Schüler“. Unbemittelte Kinder erhielten zu Weihnachten Finken, Holzschuhe, Hemden, Schürzen oder andere Kleidungsstücke. Während des Winters wurde Schulmilch abgegeben. Die „Suppenanstalt“, die vor allem in Kriegszeiten nahrhafte Suppen ausschenkte und damit zu einer ausreichenden Ernährung beitrug, war eine Einrichtung des Vereins. Mangels Lagerleiter der Ferienkolonie und Vertreter in den Vorstand, musste der Verein an der GV 2002 aufgelöst werden.
  • 1898 Eröffnung der „Däster`schen Rettungsanstalt Sennhof“, die von Friedrich Däster aus Brittnau gestiftet wurde. Der Junggeselle vermachte sein ganzes Hab und Gut der Kulturgesellschaft und wurde als deren Ehrenmitglied aufgenommen. Diese Anstalt hatte zum Ziel, verwahrlosten Knaben aus dem Bezirk ein Heim und eine angemessene Erziehung zu vermitteln und sie durch liebevolle Behandlung, gute Schulbildung und Gewöhnung an regelmässige Arbeit zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen. Während drei Jahrzehnten leistete die Anstalt in der Erziehung gefährdeter Jugendlicher eine wichtige und erfolgreiche Arbeit. Schwierigkeiten finanzieller und organisatorischer Art führten 1929 zur endgültigen Schliessung der Anstalt.
  • 1901 Gründung des Vereins für häusliche Krankenpflege in den Gemeinden, um die Anordnungen der Ärzte richtig durchzuführen und die Gebrauchsgegenstände des Krankenmobilien-Magazins zweckmässig zu verwenden. Dank der grossen Sympathie im ganzen Bezirk war ein Ausbau möglich und es konnten weitere Gemeindeschwestern angestellt werden. Als dann die Gemeindepflege in der Organisation „Spitex“ aufgegangen ist, konnte der Verein für die häusliche Krankenpflege aufgelöst werden, er hatte seine Pflicht erfüllt.
  • 1904 begann die Kulturgesellschaft Zofingen den Kampf gegen die Tuberkulose. Sie liess das Basler „Merkblatt für Prophylaxis gegen Tuberkulose“ in 5500 Exemplaren im ganzen Bezirk herum verbreiten, sowie im Jahre zuvor die Broschüre von Dr. Dössekker über die Tuberkulose. Von jährlich 65`000 Todesfällen/Jahr in der Schweiz kamen 6812 auf die Tuberkulose. Hauptursachen waren die schlechte Luft, eine enge Behausung und mangelhafte Ernährung. Darum dienten eine Menge von Anordnungen und Unternehmungen, wenn auch nur indirekt und unausgesprochen, der Kulturgesellschaft auch der Verhütung, Verminderung und Bekämpfung der Tuberkulose (z.B. Beschaffung gesunder Lebensmittel, die Einführung von Suppenanstalten, Kochkursen und Haushaltungsschulen, die Beratungen über Volksernährung, die Regelung der Passantenverpflegung, die Gründung der Ferienkolonien, die Kinderversorgung, die Jugendschutzbestrebungen, etc.).
  • 1928 wurde der Beschluss gefasst, die Umwandlung der Anstalt in ein Altersheim des Bezirks Zofingen unter dem Namen „Pflegeanstalt Sennhof„ vorzunehmen. Um die Anliegen des Friedrich Däster nicht ganz zu vergessen, legte man aus dem Vermögen Fr. 100`000.- in die neu gegründete „Däster`sche Erziehungsstiftung„, deren Vermögensverwaltung der GGZ in die Hände gelegt wurde. Die Zinsen kamen dem Jugendfürsorgeverein zugute. Mit der Zeit wurde der eigentliche Stiftungszweck, nämlich „die Erziehung armer, verwahrloster Knaben„ respektive „Beiträge an die Unterbringung der Zöglinge„ unerreichbar. An der Generalversammlung der GGZ vom 25. 11. 2009 wurde daher beschlossen, die Stiftung aufzulösen und das Stiftungsvermögen der GGZ zuzuweisen. Die Einweihung des Altersheims erfolgte im Frühjahr 1931. Nach einem Regierungsratsbeschluss 1965 wurde die Pflegeanstalt Sennhof offiziell „Pflegeheim Sennhof“ genannt. Nach weiteren umfassenden Um- und Neubauten ist heute aus der früheren Knabenerziehungsanstalt ein modernes und nach neuzeitlichen Grundsätzen geführtes Pflegeheim geworden.
  • 1956 nahm die Kulturgesellschaft die neu gegründete Filiale „Beratungs- und Fürsorgestelle der Industrie Zofingen und Umgebung“ in ihren Tätigkeitsbereich auf. Es zeigte sich bald, dass diese Neugründung zum Zwecke der Fürsorge und Beratung der Lehrlinge, Arbeiter und Angestellten der angeschlossenen Firmen und ihrer Familienangehörigen in wirtschaftlicher, gesundheitlicher, erzieherischer und psychischer Hinsicht eine dringend notwendige Aufgabe zu erfüllen hatte.
  • 1976 wird der Namen der Kulturgesellschaft in „Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirks Zofingen“ (GGZ) umgeändert.
  • 1981 wurde von Hans und Gertrud Roth-Müller die Stiftung „ Gemeinnützige Stiftung zur Förderung der Selbsthilfe“ ins Leben gerufen und unter das Patronat der GGZ gestellt. Ziel und Zweck dieser Stiftung ist, gezielt überall dort zu helfen, wo materielle und menschliche Notlagen entstehen, vor allem auch dort, wo man sich nicht getraut Hilfe zu beanspruchen.
  • 1984 wird der „Verein Beratungsstelle für Ausländer“ der GGZ angegliedert. Diese Institution wurde 1966 vom Handels- und Industrieverein gegründet. In ihren Statuten ist festgelegt, dass sie Hilfe an Ausländer bei allen möglichen Problemen bieten soll.

In der beinahe 200 jährigen Geschichte der Gemeinnützigen Gesellschaft unseres Bezirks bekommt man schon einen Eindruck vom Wandel der Verhältnisse, nicht nur im Leben der Menschen, sondern auch im öffentlichen Leben und im Staat. Mit Erstaunen nimmt man zur Kenntnis, wie unglaublich viele Anregungen und Initiativen, vor allem im 19. Jahrhundert, von der Kulturgesellschaft ausgegangen sind:

Im Erziehungs- und Bildungswesen, im Armenwesen und in der sozialen Hilfe, im Sanitäts- und Krankenwesen, auf dem Gebiet der Volkswirtschaft und des Gewerbes, des Rechts und des Versicherungswesens. Heute sind es die Parteien, weitere Organisationen, die auf allen Gebieten mit ihren Anliegen und Forderungen aktiv werden. Und wo früher soziale Hilfe an junge und alte, an gesunde und kranke Menschen auf privater Basis geleistet wurde, ist längst der moderne Sozial- und Wohlfahrtsstaat auf den Platz getreten. Unter diesen veränderten Verhältnissen muss die Gemeinnützige Gesellschaft - nicht nur im Bezirk, sondern auch im Kanton und in der Schweiz – neue Möglichkeiten suchen, um ihre Aufgabe in einer neuen Zeit erfüllen zu können.

Zusammenfassung:  Iris Bichsel,  07. Februar 2004

Literatur:

  • WERNLY Rudolf (1921): Kulturgesellschaft des Bezirks Zofingen 1821 - 1921.  Zofingen, Ringier & Co AG
  • SIEGRIST Adolf (1971): Kulturgesellschaft des Bezirks Zofingen 1821 - 1971. Zofingen,  Ringier & Co AG
  • WEBER Rudolf (1996): Zofinger Neujahrsblatt 1996